Die Kinderorthopädie, ein Spezialgebiet der Orthopädie, beschäftigt sich mit dem Bewegungsapparat und seinem funktionellen Zusammenspiel am wachsenden Organismus. Dabei wird zwischen angeborenen und erworbenen Erkrankungen unterschieden. Die Kinderorthopädie umfasst dabei den gesamten Zeitraum zwischen der Geburt und dem 18. Lebensjahr. Der große Unterschied zur Erwachsenenorthopädie liegt darin, dass das Wachstum des Kindes stets in die Behandlungsstrategie mit einzuplanen ist. Das heißt, dass wir die richtige Therapie zum richtigen Zeitpunkt für jeden Patienten individuell planen und die Eltern diesbezüglich stets ausführlich über die Gründe für das jeweilige Vorgehen aufklären und mit einbeziehen müssen.


Ursachen

Die Ursachen für kinderorthopädische Erkrankungen sind mannigfaltig. Häufig sind diese angeboren oder vererbt. Manche Erkrankungen, wie beispielsweise Fehlbildungen der Arme oder Beine, können gelegentlich auf infektiöse, hypoxische, toxische, medikamentöse oder hormonelle Faktoren, die auf den Embryo oder den Fetus im Mutterleib einwirken, zurückgeführt werden.


Diagnostik

Die genaue Anamnese und Familienanamnese ist der erste Baustein auf dem Weg zur Diagnose. Denn einige Diagnosen können damit bereits mehr oder weniger gestellt werden, wie beispielsweise. die Patellaluxation oder die akute Epiphysiolysis capitis femoris. Zudem gibt es eine Reihe kinderorthopädischer Erkrankungen, die familiär gehäuft auftreten (z.B. Klumpfuß, Hüftdysplasie, hereditäre sensomotorische Neuropathie).

Als nächstes schließt sich eine genaue körperliche Untersuchung an, da Systemerkrankungen oft mehrere Gelenke oder den gesamten Bewegungsapparat betreffen (z.B. Muskeldystrophie, Skelettdysplasie, Arthrogryposis multiplex congenita). Da beim überwiegenden Anteil der kinderorthopädischen Erkrankungen die Beine oder Füße betroffen sind, spielt hier die klinische Ganganalyse eine herausragende Rolle. Bestimmte Diagnosen können dadurch bereits anhand des Gangbildes gegeneinander abgegrenzt werden (infantile Cerebralparese, Hüfterkrankung vs. Knieerkrankung im Wachstum).

Ein hoher Anteil der orthopädischen Erkrankungen des wachsenden Skelettes lässt sich mit dem Blick des erfahrenen Kinderorthopäden bereits während der klinischen Untersuchung sicher feststellen (angeborene oder erworbene Fußdeformitäten, angeborener oder erworbener Schiefhals). Wichtig ist hierbei auch eine orientierende neurologische Untersuchung des Patienten, um neurologische Ursachen für orthopädische Probleme (neuromuskuläre Erkrankungen, Spina bifida) abgrenzen zu können, beispielsweise bei einem Spitz-, Hacken- oder Hohlfuß.

Der Ultraschall spielt eine große Rolle bei der Säuglingshüfte (Säuglingssonographie) zur Diagnostik der Hüftdysplasie und Hüftluxation. Aber auch zur Diagnostik eines Gelenkergusses bei erworbenen Hüfterkrankungen (z.B. Coxitis fugax, M. Perthes, Epiphysiolysis capitis femoris) oder erworbenen Knieerkrankungen (z.B. Patellaluxation, Ostechondrosis dissecans) kommt der Ultraschall zum Einsatz.

Des Weiteren ist das konventionelle Röntgen wichtig zur Diagnosefindung (z.B. Coxa valga antetorta vs. Hüftdysplasie), aber auch zur Verlaufsbeurteilung (z.B. bei Hüft- und Wirbelsäulenerkrankungen im Wachstum wie der Coxa vara, der Skoliose oder dem M. Scheuermann), in manchen Fällen sind hier Spezialaufnahmen, wie z.B. Beinachsaufnahmen bei Achsabweichungen (X- oder O-Bein) und Beinlängendifferenzen, notwendig.

Während die Computertomographie (CT) in der Kinderorthopädie nur selten zur Anwendung kommt, rundet die Kernspintomographie (MRT) die bildgebende Diagnostik in sinnvoller Weise ab und ist hervorragend geeignet, um beispielsweise eine Spondylolyse an der Lendenwirbelsäule, eine Patelladysplasie oder einen Knorpelschaden im Knie aufzudecken.

Basierend auf einer ausführlichen Diagnose können wir harmlose Formveränderungen von ernsthaften Erkrankungen des Bewegungsapparates während des Wachstums unterscheiden und für die kleinen Patienten ein individuelles Therapiekonzept zusammenstellen.


Therapie – konservativ

Da die überwiegende Anzahl der kinderorthopädischen Erkrankungen ohne Operation behandelt werden kann, fokussiert sich unser individuelles Behandlungskonzept zunächst auf konservative Therapieverfahren.

Grundlage hierfür ist in vielen Fällen ein individuell abgestimmtes Physiotherapieprogramm, das bei bestimmten Diagnosen durch Rumpforthesen (z.B. bei der Spondylolyse) oder Korsette (z.B. bei der Skoliose) ergänzt wird. Je nach Erkrankung gehört zur Therapie auch eine Reduktion des Schul- und Freizeitsportes bis hin zum kompletten Sportverbot (z.B. beim M. Perthes). Durch konsequente Übungen und Muskelaufbau (z.B. bei der Haltungsschwäche) lässt sich somit in vielen Fällen auch sinnvoll eine Prophylaxe ernsthafter orthopädischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter durchführen.

Bei vielen angeborenen oder erworbenen Fußdeformitäten wie dem erworbenen Plattfuß oder dem Hallux valgus im Wachstumsalter, werden Einlagen notwendig, die stets individuell bezüglich des Problems des wachsenden Fußes angefertigt werden. Bei komplexeren Krankheitsbildern, wie dem kongenitalen Klumpfuß oder neuromuskulären Erkrankungen, sind oft eine nächtliche Schienen- und/oder eine Orthesenversorgung tagsüber erforderlich.

Eine besondere Form der Orthesenversorgung stellt die Spreizhosenbehandlung beim Säugling im Rahmen der Hüftdysplasie und auch Hüftluxation dar, wodurch der Großteil der Säuglingshüften innerhalb weniger Wochen völlig physiologisch nachreift und zur Ausheilung kommt.


Therapie – operativ

Leider lassen sich nicht alle kinderorthopädischen Krankheitsbilder ohne Operation erfolgreich therapieren, so dass bei manchen angeborenen Erkrankungen bereits im Säuglingsalter – meist kleine – operative Eingriffe unumgänglich sind.

Bei ernsthaften Hüfterkrankungen im Wachstum wie der (Rest-)Hüftdysplasie, der Coxa vara oder dem M. Perthes, sind häufig sogenannte Umstellungsoperationen im Bereich des Oberschenkelknochens oder des Beckens nötig. Im Falle der Epiphysiolysis capitis femoris muss eine dringliche Operation (Notfall) durchgeführt werden, da sonst das Hüftgelenk dauer- und ernsthaft geschädigt werden kann.

Manche Knieerkrankungen im Wachstum, wie Knorpelschäden oder eine Patellaluxation, machen eine Arthroskopie des Gelenkes mit nachfolgender arthroskopischer oder minimalinvasiver Therapie erforderlich.

Auch Fußdeformitäten wie der schmerzhafte erworbene Plattfuß oder die tarsale Coalitio werden operativ korrigiert, da ein konservatives Therapieverfahren nicht zielführend ist. Viele Operationen können minimalinvasiv durchgeführt werden. Hierzu gehört auch die Wachstumslenkung bei Achsabweichungen und Beinlängendifferenzen. Diese ist gut dosierbar und für die kleinen Patienten sehr gut verträglich. Jedes Vorgehen passen wir stets an den Patienten, sein Alter sowie seine Erkrankung individuell an und planen jede Operation sorgsam zum sinnvollsten Zeitpunkt.


Professor Dr. med. Utzschneider führt gerne eine umfassende Untersuchung Ihres Kindes durch, damit kinderorthopädische Erkrankungen so schnell wie möglich behoben werden können. Vereinbaren Sie gleich einen Online-Termin im OrthoCenter Professor Lill.